Hund und Silvester: 4.000 suchen nach Beruhigungsmitteln, 160 nach Training

Shownotes

Über 4.000 Menschen suchen jeden Monat nach Beruhigungsmitteln für ihren Hund an Silvester. Nach Training oder danach, wie man den Hund an Silvester gewöhnt und ihm die Angst nimmt, suchen gerade einmal 160.

Ausgangspunkt war ein Gespräch mit Anke aus dem BRAVE-Team über unseren alten Silvesterkurs. In dieser Folge geht es um die Frage: Was kann Training eigentlich bringen? Was sich über Training an Silvester verändern lässt, warum weniger Stress viel mit Kontrolle zu tun hat und wie Training mit Management, Wohlbefinden und Hilfsmitteln zusammenspielt.

Und um die Frage, was diese Zahlen über uns sagen – warum uns der Griff zum Produkt oft näher liegt als das Anpacken. Keine Kritik an Dir, sondern eine Einladung, darüber nachzudenken, wo Du Deinem Hund das Leben über Training, Management und Wohlbefinden noch ein bisschen leichter und schöner machen kannst.

Transkript anzeigen

00:00:07: Bei einer Recherche bin ich auf eine Zahl gestoßen, die mich schockiert hat.

00:00:12: Ich habe für diese Silvesterplanung nachgesehen, wonach Hundehalter:innen zum Thema Silvester eigentlich suchen.

00:00:19: Was das ist, warum mich das beschäftigt und was diese Zahl vielleicht für Dich bedeutet,

00:00:24: darüber spreche ich heute.

00:00:31: Hej!

00:00:32: Ich bin Anne Bucher und das ist Anders mit Hund.

00:00:39: Ich erstelle Onlinekurse, schreibe und podcaste über Hundeverhalten und Lösungen für Verhaltensprobleme.

00:00:46: Und ich bilde Menschen aus, Mensch-Hunde-Teams mit meinem BRAVE-Ansatz zu begleiten.

00:00:51: Vielleicht ist es Dir schon aufgefallen:

00:00:52: Der Podcast heißt jetzt wieder „Anne Bucher – Anders mit Hund“, hat ein neues Cover und ich habe mir fest vorgenommen, dass es ab jetzt hier wieder regelmäßig weitergeht. Alle zwei Wochen montags.

00:01:05: Aber jetzt zu unserem Thema von heute. Denn ich möchte mit Dir darüber sprechen, wie es dazu kam, dass ich meine Recherche gemacht habe.

00:01:13: Ich habe mich mit Anke aus dem BRAVE-Team, also aus dem Team von BRAVE, über Silvester unterhalten, und sie hat erzählt, wie gut ihr Hund Silvester mittlerweile packt.

00:01:26: Ich habe gefragt: Hey, wie hast Du das gemacht? Und sie: Ich habe unseren alten Silvesterkurs hier durchgearbeitet. Und ich muss sagen, ich hatte den gar nicht mehr so auf dem Schirm.

00:01:38: Denn wir vermarkten den seit Jahren nicht, ich mache damit nicht viel.

00:01:43: So war der ein bisschen hintenrübergefallen, und bevor wir ihn vielleicht wieder anbieten, will ich ihn noch einmal selbst durchgehen.

00:01:50: Dafür habe ich nach neuen Studien gesucht und danach, was mit Menschen und Hund rund um Silvester passiert und was sie beschäftigt.

00:01:58: Überrascht hat es mich eigentlich nicht, aber es schwarz auf weiß zu sehen, war dann doch irgendwie traurig.

00:02:04: Denn nach Gehörschutz für Silvester suchen etwa 1.900 Menschen im Monat, nach einer Unterkunft ohne Feuerwerk über 3.500.

00:02:13: Da habe ich erst mal gar nichts gegen.

00:02:14: Sowohl das eine als auch das andere ist super sinnvoll, wenn man es dem Hund leichter machen will.

00:02:20: Nach Beruhigungsmitteln suchen über 4.000 Menschen im Monat, im Kontext Silvester und Hund.

00:02:27: Da fange ich dann schon ein bisschen an zu schlucken.

00:02:29: Ich habe überhaupt nichts gegen eine gute Medikation über Silvester. Aber die Relation, auf die ich gleich noch komme, die lässt mich echt innehalten.

00:02:39: Übrigens: Nach Eierlikör suchen rund 1.500.

00:02:43: Und jetzt kommen die Gegenzahlen: Nach Silvestertraining oder danach, wie man den Hund an Silvester gewöhnt, wie man ihm die Angst davor nimmt –

00:02:53: da suchen gerade einmal, über alle Suchbegriffe, die mir eingefallen sind,

00:02:59: 160 Menschen im Monat.

00:03:01: 160, die nach Veränderung über Maßnahmen wie Training, Gewöhnung etc.

00:03:09: suchen, gegenüber 4.000, die nach Beruhigungsmitteln suchen, und 3.500, die Silvester für den Hund wegfahren.

00:03:21: Oder, das weiß ich ja gar nicht, ob sie für den Hund wegfahren, die über Silvester wegfahren.

00:03:26: Suchdaten zeigen ja nicht, warum danach gesucht wird, sondern ausschließlich, wonach gesucht wird.

00:03:31: Vielleicht trainieren viele von denen längst richtig gut.

00:03:34: Vielleicht sind da auch Tierärzt:innen drunter, die sich noch mal über Medikation informieren wollen.

00:03:40: Aber trotzdem passt die Zahl zu dem, was ich immer wieder höre: Der Hund ist halt so. Der hat halt so schlimme Angst vor Silvestergeräuschen, Menschen, was auch immer.

00:03:51: Der ist so empfindlich.

00:03:53: Der ist halt eine Schissbuchse. Und ich vermute, viele glauben gar nicht daran, dass Training etwas Nachhaltiges verändern kann oder dass sie es hinbekommen.

00:04:04: Und solange sie glauben, dass Angst vor Silvester eine Charaktereigenschaft ist, solange werden sie diese Angst auch nicht verändern.

00:04:13: Sie werden sie nicht angehen.

00:04:15: Und deshalb kommt jetzt meine Frage, die ich mit Dir klären will,

00:04:19: nämlich: Was kann Training eigentlich bringen?

00:04:23: Was bringt Training uns?

00:04:25: Training ist für mich ein ganz wesentliches Element der Verhaltensänderung.

00:04:29: Ein wesentliches Element.

00:04:31: Es schließt die Lücke zwischen dem, was der Hund mitbringt, dem, was die Umwelt in ihm auslöst, dem, was er gerade sonst noch so zu verpacken hat, und dem, was wir im Alltag von ihm erwarten.

00:04:42: Und gerade bei Silvester ist Training ziemlich gut machbar.

00:04:46: Wir können verändern, wie der Hund die Geräusche bewertet, sodass er, was er vorher vielleicht unangenehm fand, eher egal, vielleicht sogar ganz spaßig findet, weil er etwas Gutes erwartet.

00:04:56: Wir können trainieren, dass er sich an einen Ort zurückzieht oder sich Unterstützung bei uns holt, wenn ihm alles zu viel wird.

00:05:03: Wir können trainieren, dass er sich draußen schneller löst und wieder mit reingeht, damit wir gar nicht zu lange mit ihm an kritischen Tagen draußen sein müssen.

00:05:10: Wir können ihn schrittweise an diese Situation heranführen und auch mit ihm üben, dass an diesen Tagen rund um Weihnachten und Silvester die Dinge eben ein bisschen anders laufen.

00:05:21: Und genau damit reduzieren wir automatisch auch Stress. Denn Stress hat viel damit zu tun, die Kontrolle zu verlieren, keine Kontrolle mehr über das eigene Leben zu haben, keine Kontrolle mehr über das eigene Wohlbefinden zu haben.

00:05:35: Dass es draußen knallt und dass Silvester oder andere dumme Dinge passieren,

00:05:39: daran werden wir nichts ändern. Diese Kontrolle können wir dem Hund nicht geben.

00:05:43: Aber wenn der Hund lernt: Wenn es knallt oder ich mich unwohl fühle, kann ich auf diese oder jene Art für meine Sicherheit sorgen,

00:05:51: dann wird der Stress weniger. Und das ist ein himmelweiter Unterschied im Wohlbefinden.

00:05:59: Training ist dabei eine Komponente. Eine von mehreren. Eine weitere ist Management.

00:06:04: Das, was auf den Hund einprasselt, wird gedämpft, zum Beispiel mit dem Gehörschutz, oder perfekt gedämmt, indem wir an Silvester so wegfahren, dass er gar nichts mehr mitkriegt von dem Trara sozusagen.

00:06:18: Management ist toll, um Training zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass der Hund nicht überfordert wird, wenn wir noch nicht so weit sind, oder auch Dinge zu mildern, solange wir noch nicht so weit sind.

00:06:29: Es ist auch super dafür, wenn wir Dinge einfach zeitlich nicht unterkriegen, sie jetzt zu verändern.

00:06:37: Aber wann immer etwas kommt, was dem ähnlich ist, was wir nicht abwenden können, nicht vorhergesehen haben, ist er dem ausgeliefert.

00:06:45: Das heißt, Management greift vorausschauend, um es dem Hund leichter zu machen, um Dinge von ihm wegzuhalten, um ihn gar nicht erst in die schwierigen Situationen zu bringen.

00:06:55: Aber wenn das nicht möglich ist und wir haben kein Training gemacht, dann ist der Hund der Situation ausgeliefert.

00:07:03: Management ist damit eine weitere wichtige Komponente, die neben Training steht.

00:07:09: Die dritte Komponente ist Wohlbefinden.

00:07:12: Und das heißt nicht: Ja, wir lassen den Hund jetzt mal ein paar Kekse suchen, dann kann er schnüffeln,

00:07:16: dann geht es dem gut.

00:07:17: Oder das heißt auch nicht: Na ja gut, der hat immer Schmerzen, da kriege ich kein Wohlbefinden hin.

00:07:21: Das heißt zum Beispiel, dass wir dafür sorgen, dass ein Hund sein natürliches Verhalten so weit wie eben möglich ausleben darf und über sein eigenes Leben Mitbestimmung, Gestaltungsmöglichkeiten und Kontrolle bekommt.

00:07:33: Diese Kriterien, Mitbestimmung, Kontrolle über das eigene Leben, Gestaltungsmöglichkeiten plus natürliches Verhalten ausleben,

00:07:42: die sind in der Tierwohlforschung zwei von fünf, je nach Konzept auch sieben Punkten, die unerlässlich sind, damit es Hunden gut geht oder überhaupt Lebewesen.

00:07:57: Und jetzt kommen die Hilfsmittel, zum Beispiel vernünftige Psychopharmaka.

00:08:02: Sie sind ein Puffer on top, überbrücken, was wir im Training noch nicht geschafft haben,

00:08:06: greifen ein,

00:08:08: wenn Dinge unerwartet kommen, senken Belastungsspitzen.

00:08:15: Bei den Suchbegriffen wie Beruhigungsmittel macht mir das eine oder andere schon Magenschmerzen. Denn Beruhigungsmittel heißt: ruhiggestellt werden.

00:08:25: Oder einfach irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel, die scheinbar wesentlich körperfreundlicher und natürlicher sind als Psychopharmaka, sind schwierig.

00:08:41: Ihr Nutzen ist nicht nachgewiesen, belastend sind sie trotzdem, und sie sind auch ohne tierärztliche Unterstützung gegebenenfalls erhältlich.

00:08:52: Und damit unterliegen sie auch nicht der Kontrolle, die andere Medikamente haben, und werden nicht auf Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen hinsichtlich dieses Individuums geprüft.

00:09:05: Was mich aber vor allen Dingen daran beschäftigt, ist: Was sagt das eigentlich über uns?

00:09:14: Dass quantitativ mehr Menschen, und zwar deutlich mehr Menschen, mehr als 25-mal so viele Menschen danach suchen, wie man dem Hund Beruhigungsmittel gibt,

00:09:25: mehr als 20-mal so viele Menschen danach suchen, wie man der Situation aus dem Weg geht, als Menschen danach suchen, wie sie das für ihren Hund verändern können?

00:09:37: Und das, dass wir mehr nach Auswegen für den Moment suchen als nach Vorbereitungen, die den Hund über Jahre unterstützen können, das erlebe ich relativ häufig.

00:09:50: Ich sage einer Kundin zum Beispiel: Da müssen wir noch mal auf die Belohnungen schauen. Und sie sagt: Ich habe eine andere Käsesorte gekauft.

00:09:58: Ich sage: Er soll ein bisschen mehr Freiheit bekommen.

00:10:01: Dann kommt die Antwort: Dann kaufe ich eine längere Leine.

00:10:05: All das ist total gut gemeint, aber es zeigt eben, wie schnell wir zu Lösungen über Konsum greifen statt zu Lösungen, bei denen wir selbst aktiv werden.

00:10:14: Shoppen geht schneller als anpacken.

00:10:17: Es fühlt sich gut an, mal eben was gekauft zu haben und sich damit der Situation gestellt zu haben. Es ist leichter für uns, vielleicht den Knopf zu drücken und etwas in den Warenkorb zu geben, als mit jemandem Kontakt aufzunehmen, der uns beim Training unterstützt, oder auch selber das Training zu planen und zu gestalten.

00:10:36: Und auch die anderen Maßnahmen.

00:10:38: Denn auf Training, auf Wohlbefinden zu gucken, bedeutet ja auch, auf mich selbst zu gucken.

00:10:44: Auch darauf zu gucken: Was läuft vielleicht noch nicht so rund?

00:10:48: Wo gehe ich vielleicht nicht so gut vor?

00:10:50: Vielleicht sind wir auch frustriert davon, dass Training scheinbar nicht direkt greift.

00:10:56: Vielleicht haben wir so viele Trainer, Trainer:innen durch und so viele Tipps durch, dass wir schon ganz wuschig im Kopf sind.

00:11:04: Ich werde nicht müde zu sagen: Das ist keine Kritik an Dir, wenn Du sagst: Silvester ist einmal im Jahr, wir fahren da weg. Oder auch was anderes wie Kindergeburtstag oder sonst was –

00:11:13: dem können wir aus dem Weg gehen.

00:11:14: Man muss nicht alles trainieren. Man kann auch Dingen aus dem Weg gehen und Hilfsmittel einsetzen,

00:11:20: dann, wenn der Hund noch nicht so weit ist. Oder wenn man sagt: Ich habe da gerade keinen Nerv für. Das ist für mich vollkommen okay.

00:11:29: Wenn wir andere Baustellen haben und ich die Zeit lieber mit meinem Hund anders verbringe und ich dafür sorgen kann, dass er den schwierigen Situationen nicht ausgeliefert ist, dann ist das vollkommen in Ordnung.

00:11:40: Ich glaube nur nicht daran, dass diese rund 3.800 Suchdifferenz wirklich den Grund haben, dass das jetzt der Moment ist.

00:11:53: Ich glaube, dass uns der Griff zum Produkt oft näher liegt als alles andere. Und deshalb möchte ich Dich ermutigen:

00:12:00: Training kann eine Menge. Training in Kombination mit Management und Wohlbefinden kann noch viel mehr.

00:12:08: Und Hilfsmittel oder Wegfahren sind super

00:12:11: Puffer on top. Egal, ob es bei dem Puffer darum geht, dass Du gerade mal nicht kannst oder dass Dein Hund gerade die Kapazitäten nicht hat.

00:12:21: Ich freue mich, wenn ich Dich damit motiviere, darüber nachzudenken:

00:12:26: Wo kannst Du über Training, Management und Wohlbefinden in Kombination Deinem Hund das Leben noch ein bisschen leichter und schöner machen?

00:12:36: Das war's für heute.

00:12:37: Wenn Du Lust auf mehr hast, auf dem Laufenden sein willst und immer wieder ein paar aufrichtige Gedanken, aktuelle Wege, wie man mit mir zusammenarbeiten kann, oder neue Erkenntnisse bekommen möchtest, dann trag Dich gerne zusätzlich in meinen Newsletter ein: annebucher.com/neugiernasen.

00:12:55: Den Link findest Du auch in den Shownotes.

00:12:57: Die nächste Folge kommt dann in zwei Wochen.

00:13:00: Bis dahin!

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.